In letzter Zeit gab es in den säkularen deutschen Medien ungewöhnlich häufig Schelte für Christen. Genau genommen für „christliche Fundamentalisten“. Beispielsweise am 4. August im Polit-Magazin „Frontal 21“, wo Evangelikale in die Nähe islamischer Selbstmordattentäter gerückt wurden. Oder jetzt im Oktober erneut wieder bei „Frontal 21“, sowie im ARD-Magazin „Panorama“. Zu Recht? Darüber lässt sich streiten, es hängt ganz vom Standpunkt ab.
Doch was ist überhaupt Fundamentalismus? Der Begriff ist reichlich verwirrend. Es gibt da verschiedene Definitionen und Auffassungen. Irgendwie schustert sich jeder sein eigenes Bild zusammen. Es gibt beispielsweise Christen, die von anderen Christen als Fundamentalisten abgestempelt werden, die jedoch ihrerseits wieder andere so schimpfen. Und einige bezeichnen sich sogar selbst als Fundamentalisten und sind stolz drauf. Offensichtlich herrscht hier Verwirrung.
Eins ist Fakt: Der Begriff des Fundamentalismus stammt aus einer Zeit, als es noch keinen (nennenswerten) religiös motivierten Terrorismus gab. Er ist eine christliche „Erfindung“ und war ursprünglich eine positive Bezeichnung für konservative d.h. bibeltreue Christen. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts sahen sich nämlich einige namhafte konservative Theologen genötigt, gegen aufkommende liberale Strömungen in der Theologie Stellung zu beziehen und gaben die Schriftenreihe: „The Fundamentals – A Testimony To The Truth“ heraus. Daher der Begriff des Fundamentalismus.
Die wesentlichen „Fundamente“ des Glaubens waren ihnen zu Folge:
- Irrtumslosigkeit und Autorität der Bibel
- Gottheit Jesu Christi
- Jungfräuliche Geburt und Wunder
- Tod für die Sünden der Menschen
- Leibliche Auferstehung und Widerkehr
Die genannten Punkte gehören mehr oder weniger zum Glaubensgut der meisten Evangelikalen. Womit man Evangelikale in diesem Sinne als Fundamentalisten schlechthin bezeichnen könnte.
Doch so einfach ist das nicht. Die Bedeutung des Begriffs „Fundamentalismus“ hat sich nämlich im Laufe der Zeit gewandelt. Seit dem zweiten Weltkrieg kamen zunehmend radikale und gewaltbereite Strömungen im Islam sowie neuerdings auch im Hinduismus auf und gewannen immer mehr an Einfluss. Schlaue Leute erkannten einen wesentlichen Zusammenhang der „radikalen“ Strömungen in den verschiedenen Religionen und gaben dem einen Namen: „Fundamentalismus“. Dazu wikipedia:
„Fundamentalismus ist allgemein gesehen eine Überzeugung, die sich zu ihrer Rechtfertigung auf eine Grundlage beruft, die auf einer Letztbegründung beruht. Im weitesten Sinne wird als fundamentalistisch eine religiöse oder weltanschauliche Bewegung bezeichnet, die eine Rückbesinnung auf die Wurzeln einer bestimmten Religion oder Ideologie fordert, welche notfalls mit radikalen und teilweise intoleranten Mitteln durchgesetzt werden soll.“
Im Klartext auf Religionen bezogen: Fundamentalisten berufen sich auf die Autorität einer heiligen, von Gott gegebenen Schrift oder Lehre und setzten sich für die Verbreitung ihrer Religion ein.
Soweit die Theorie. Ein Blick auf die Realität zeigt, dass die genannten Charakteristika tatsächlich auf viele religiöse Strömungen zutreffen. Auch auf christliche. Evangelikale Christen beispielsweise glauben an die Autorität bzw. Irrtumslosigkeit der Bibel, als dem Wort Gottes. Sie berufen sich also auf eine Grundlage (Bibel), die auf einer Letztbegründung beruht (inspiriert von Gott). Sie verweigern sich der liberalen Theologie und fordern die Rückbesinnung auf die Wurzeln des Glaubens (Bibel). Ähnliches gilt für den Islam.
Doch hier hört die Übereinstimmung schon auf. Es sei denn, man betrachtet es als radikal, wenn Christen als Missionare der Nächstenliebe in fremde Länder ziehen und dabei nicht unerhebliche Gefahren in Kauf nehmen. Manche bezeichnen es zwar als intolerant, wenn Christen Jesus den „einzigen“ Weg zu Gott nennen und mit entsprechendem Nachdruck missionieren. Doch da Toleranz „Duldsamkeit“ bedeutet, kann von Intoleranz nicht ernsthaft die Rede sein. Der Sinn von Mission ist schließlich nicht, gegen andere Überzeugungen zu kämpfen bzw. diese „nicht zu dulden“, sondern, die gute Nachricht von Jesus sowie Nächstenliebe zu verbreiten. Betrachtet man es als intolerant, für Überzeugungen einzustehen und zu werben, so sind wohl die meisten existierenden Interessengruppen intolerant. Egal ob Verein, Konzern oder Partei.
Der Unterschied zwischen moslemischem und christlichem Fundamentalismus
Letztendlich ist entscheidend, wie eine fundamentalistische Gesinnung in der Praxis zum Ausdruck kommt. Im Islam beispielsweise zeigt sie sich unter anderem im Bekenntnis zum „Dschihad“, was so viel wie Anstrengung, Kampf oder Einsatz auf dem Wege Allahs bedeutet. Was ja nicht unbedingt schlecht ist. Die Wiedergabe mit „heiliger Krieg“ ist in dem Sinne übrigens nicht korrekt und sollte vermieden werden. Im Quran bezieht sich der Dschihad jedoch häufig auf den militärischen Kampf. Selbstverständlich betonen moderate Muslime immer wieder, der Dschihad würde nur für den Verteidigungsfall gelten. Doch viele Muslime fassen ihn wesentlich radikaler auf und stützen sich dabei auf deutliche Aufforderung im Quran. Beispielsweise in der Sure 2 (al-Baqara), die Verse 190 – 193:
“Und kämpft auf Allahs Weg gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen, doch übertretet nicht! Allah liebt nicht die Übertreter. Und tötet sie, wo immer ihr auf sie trefft, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben, denn Verfolgung (Anmerkung der Übersetzer: auch Unglaube, Sichabwenden und Abhalten anderer vom Glauben) ist schlimmer als Töten! Kämpft jedoch nicht gegen sie bei der geschützten Gebetsstätte, bis sie dort (zuerst) gegen euch kämpfen. Wenn sie aber (dort) gegen euch kämpfen, dann tötet sie. Solcherart ist der Lohn der Ungläubigen. Wenn sie jedoch aufhören, so ist Allah Allvergebend und Barmherzig. Und kämpft gegen sie, bis es keine Verfolgung (Anmerkung s.o.) mehr gibt und die Religion (allein) Allahs ist. Wenn sie jedoch aufhören, dann darf es kein feindseliges Vorgehen geben außer gegen die Ungerechten.”
Das ist sehr radikal, wie wohl jedem auffallen wird. An dieser Stelle möchte ich daran erinnern, dass ein wesentliches Kennzeichen fundamentalistischer Gesinnung, die Berufung auf die Autorität einer heiligen Schrift ist. Muslimische Fundamentalisten stützen sich also mit Fug und Recht auf den Quran, wenn sie Ungläubigen den Kopf abschneiden oder sonst irgendwie nach dem Leben trachten, denn „solcherart ist der Lohn der Ungläubigen“. Man beachte bitte: auch Unglaube, Sichabwenden und Abhalten anderer vom Glauben darf laut Sure 2 Verse 190-193 gewaltsam bekämpft werden. Und zwar bis „die Religion allein Allahs ist“, d.h. bis es keinen Unglauben mehr gibt! Eine klare Ansage. Daran ändert auch der mildernde Kontext nichts, wo vor Übertretung gewarnt wird und vom allbarmherzigen Allah sowie von Nachsicht die Rede ist. Selbstverständlich kann dieser Text auch moderat ausgelegt werden, wie mir einige Moslems im Gespräch beteuerten. Aber es geht eben auch radikal, wie zahlreiche Attentate und Anschläge beweisen.
Ganz anders ist es im Christentum. Zwar ist auch hier die fundamentalistische Gesinnung verbreitet. Es gibt Christen, die die Bibel für irrtumslos halten oder ihr zumindest göttliche Autorität zollen. Sie richten ihr Leben radikal nach der Bibel aus. Doch in der Praxis zeigt sich das völlig anders! Beispielsweise sagt Jesus im Evangelium nach Lukas, Kapitel 6, Verse 27-36:
„Aber euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen; segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch Böses tun. Schlägt dich jemand auf die eine Backe, dann halt ihm auch die andere hin, und nimmt dir jemand den Mantel, dann lass ihm auch das Hemd. Gib jedem, der dich bittet, und wenn dir jemand etwas nimmt, dann fordere es nicht zurück. Handelt allen Menschen gegenüber so, wie ihr es von ihnen euch gegenüber erwartet. Wenn ihr die liebt, die euch Liebe erweisen, verdient ihr dafür etwa besondere Anerkennung? Auch die Menschen, die nicht nach Gott fragen, lieben die, von denen sie Liebe erfahren. Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, verdient ihr dafür besondere Anerkennung? So handeln doch auch die, die nicht nach Gott fragen. Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr ebenfalls etwas erwarten könnt, verdient ihr dafür besondere Anerkennung? Auch bei denen, die nicht nach Gott fragen, leiht einer dem anderen in der Hoffnung auf eine entsprechende Gegenleistung. Nein, gerade eure Feinde sollt ihr lieben! Tut Gutes und leiht, ohne etwas zurückzuerwarten. Dann wartet eine große Belohnung auf euch, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“
Das ist radikal. Wahrscheinlich zu radikal für die meisten Menschen. Und doch genau das, wozu christliche Fundamentalisten per Definition, als „Bibeltreue“ verpflichtet sind. Wer sich nicht daran hält, kann definitiv nicht als christlicher Fundamentalist bezeichnet werden! Denn nirgendwo in der Bibel werden Christen zu Gewalt aufgerufen. Ganz im Gegenteil! Gewaltlosigkeit, Nächstenliebe und Feindesliebe sind wesentliche Forderungen des Religionsstifters Jesus und seiner Apostel. Im Grunde genommen stellt Matthäus 22,37-40 die Zusammenfassung der Botschaft von Jesus Christus dar:
Jesus: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das erste und größte Gebot. Und das zweite ist ihm vergleichbar: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen zwei Geboten hängen das ganze Gesetz und die Propheten.“
Gibt es also einen Grund das bibeltreue „fundamentalistische“ Christentum zu kritisieren? Etwa weil Jesus hier als einziger Weg zu Gott gilt? Weil hier Wunder möglich sind? Weil hier radikale Nächstenliebe gefordert wird? Weil hier hohe moralische Maßstäbe gelten? Als zwei junge deutsche Bibelschülerinnen und eine Südkoreanerin im Juni dieses Jahres während eines Krankenhaus-Praktikums im Jemen entführt und erschossen wurden, hagelte es Kritik. Weniger an den radikalen Moslems, sondern viel mehr an den radikalen, christlichen Fundamentalisten, die anderen ihren Glauben aufzwingen wollen. So zum Beispiel auch in dem erwähnten Beitrag des ZDF-Magazins „Frontal“ am 4. August zu diesem Anlass:
„Bereit sein, für Gott zu sterben: Das klingt vertraut – bei islamischen Fundamentalisten. Doch auch für radikale Christen scheint das zu gelten.“
Die Autoren des Beitrags sprachen von einer „langen, unheiligen Tradition“ für Gott als Märtyrer zu sterben und machten keinen Unterschied zwischen islamischen Selbstmordattentätern und Christen, die sich für eine gute Sache einsetzten und dafür ermordet werden.
Damit schließt sich der Kreis, denn die Ermordung der Frauen war der Anlass für eine Reihe von kritischen Beiträgen in den Medien. Als Christ muss ich zugeben, dass die Kritik teilweise berechtigt ist. Vor allem dann wenn sektiererische Sondergruppen dargestellt werden. Doch sind diese nicht repräsentativ für die Gesamtheit evangelikaler Christen, wie fälschlicherweise suggeriert wird, sondern vielmehr meist Vertreter unbiblischer Sonderlehren.
Fazit: Auch wenn die Medien es so darstellen, christlicher Fundamentalismus ist mit islamischem Fundamentalismus nicht vergleichbar. Während Christen von der Bibel zur Nächsten- und Feindesliebe aufgerufen sind, werden Moslems vom Quran zur militärischen Bekämpfung der Ungläubigen aufgefordert.
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