Die Schönheit von Gottes Gesetz – ein Vergleich mit der Alhambra in Granada

Den letzten Urlaub konnten meine Familie und ich gemeinsam in Spanien verbringen. Als wir an der Südküste, der sogenannten Costa del Sol, entlangfuhren, kamen wir auch in einem Städtchen namens Granada vorbei und sahen uns eine wunderschöne alte Festung an, die Alhambra (siehe Bild oben). Als wir immer weiter vorstießen und dann in den Naṣridenpalast eingelassen wurden (ja, wir mussten uns die Tickets dafür schon fast 2 Monate vorher sichern, da der Andrang so groß ist), kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Meine ständige Frage war: Wer würde sich heute noch die Zeit dafür leisten, dermaßen detailverliebte Gebäude zu errichten? Es ist wirklich unglaublich – hatten die Menschen früher mehr Zeit?

Mit vorgepackten Rucksack und unserem kleinen Noah im Tragerucksack sahen wir uns Raum für Raum der alten Festung an. Vielleicht vorab ein paar Fakten: Die Alhambra ist eine der meistbesuchten Touristenattraktionen Europas und seit 1984 Weltkulturerbe. Die Burganlage ist etwa 740 m lang und bis zu 220 m breit und gilt als „Stadtburg“, ein Leben ist also praktisch da oben gut möglich gewesen, ohne dass man den Berg runter in die Stadt musste. Ein Ausschnitt aus Wikipedia zur Geschichte:

Der Alhambra genannte Baukomplex ist eine für das Mittelalter typische Kombination aus einer befestigten Oberstadt mit einer separat befestigten Zitadelle für den Machthaber. Die Oberstadt beherbergte neben dem Adel und dem Militär auch die höher stehende Bürgerschaft, Kaufleute sowie wichtige Handwerker. Auch die Waffenschmiede befand sich hier. Als Alcazaba wird in der Literatur eine Stadtburg (Akropolis) bezeichnet, eine großflächige Befestigungsanlage mit stadtähnlichem Charakter mit Stadtburg oder Zitadelle. In Granada wird die Zitadelle als Alcazaba bezeichnet, während die Gesamtanlage Alhambra heißt.

Wer mehr über die Alhambra wissen möchte, liest sich am besten den Wikipedia-Eintrag durch oder sieht sich die Dokumentation in diesem Youtube-Video an.

Was hat nun die Alhambra mit der Schönheit des Gesetzes Gottes zu tun?

Wie ich zu Beginn schon sagte, war ich sehr erstaunt von dem, was ich sah. Das bringt das folgende Video vielleicht nochmal zur Geltung:

Erst zwei Wochen später, als ich in Psalm 119 las, wurden mir die Parallelen deutlich zwischen dem Gesetz Gottes und der Schönheit dieses alt-ehrwürdigen Palastes.

Psalm 119 – mehr als nur ein einfacher Psalm

Der Psalm selbst ist unterteilt in 22 Abschnitte. Es ist ein gewaltiges und vielstimmiges Loblied auf das Gesetz Gottes – wie ein großer Palast mit vielen, aufwändig errichteten Zimmern. Jedes Zimmer in so einem Palast ist dabei meistens ganz individuell und nach einem bestimmten Thema oder für einen bestimmten Zweck geschmückt. So auch dieser Psalm. Jede dieser 22 Strophen besteht aus 8 Versen – und in jedem Vers kommt das Wort „Gesetz“ in einer abgewandelten Form vor.

Auf den ersten Blick kann Psalm 119 Abwehr auslösen, sogar zurückweisend wirken. Wir Menschen tragen manchmal eine gewissen Abneigung gegen ein „Gesetz“ in uns, je nachdem, auf welcher Seite wir im Leben stehen. Ein Gesetz – dient das nicht zur Einschränkung? Zur Beschneidung meiner Freiheit? Auf der anderen Seite bietet es aber auch Sicherheit und Schutz! In diesem Psalm jedoch bekommt das Gesetz Gottes eine völlig neue Bedeutung für alle, die es lange genug betrachten (ja, manches wiederholt sich oft und kann hin und wieder für Langeweile sorgen, aber wer darüber hinweg ist, merkt, wie viel Liebe und Güte darin steckt!).

Die Struktur und der Aufbau von Psalm 119

Im Hebräischen beginnen alle Verse jeder Strophe mit demselben Buchstaben. Der Psalm beginnt mit dem „A“ (für Alef, entspricht unserem A) und endet mit dem letzten Buchstaben, dem „T“ (für Tet). Jede Strophe beginnt also mit achtmal A, achtmal B, achtmal C usw., bis achtmal T in der letzten Strophe. Man könnte die erste Strophe des Psalmes  einmal etwas umformen. Das würde dann so klingen (wir gehen von der Neuen Genfer Übersetzung aus):

Alle Menschen sind glücklich zu preisen, deren Lebensweg untadelig ist, die den Weg gehen, den das Gesetz Jahwes zeigt,
alles zu beachten, was er in seinem Wort sagt und von ganzem Herzen nach ihm zu fragen, macht glücklich.
Auch für die gilt das, die kein Unrecht tun, sondern auf Gottes Wegen gehen.
Anbefohlen hast du uns deine Ordnung, damit wir sie mit ganzem Ernst beachten.
Ach, dass ich doch beständig die Wege gehen möge, auf denen ich deine Bestimmungen einhalte.
Am Ende meines Weges steht dann nicht die Schande, wenn ich auf alle deine Gebote schaue.
Aufrichtigen Herzens will ich dir danken, wenn ich dann immer besser deine Rechtsordnungen befolgen lerne, in der sich deine Gerechtigkeit spiegelt.
An deine Bestimmungen will ich mich halten, verlasse du mich nur nicht ganz und gar.

Die acht Verse der nächsten Strophe würden nun immer mit einem „B“ beginnen (Das kann man in der Schlachter-Übersetzung durch die Überschriften gut sehen). Wenn sich jemand einmal das zur Aufgabe machen würde, und dem Psalm 119 in einer solchen Form im deutschen aufschriebe, würde man merken, wie viel Nachdenken und Umformen, Verbessern und Ändern nötig ist, um einen solch großen Psalm so dazustellen. Man müsste fast ein Dichter sein. Am Ende hätte man ein richtiges Kunstwerk geschaffen, in das viel Zeit und Liebe geflossen wäre. Im Hebräischen kommt aber noch dazu, dass nicht nur die Anfänge der Verse gleich sind, sogar die Wortwahl und der Rhythmus passen zueinander. Es ist wirklich ein ganzheitliches Lied, das hier geschaffen wurde. Wer investiert heute noch die Zeit dafür?

Warum investiert jemand so viel Zeit in ein Werk?

Und hier kommt die Parallele zur Alhambra wieder ins Spiel. Als ich in den Hallen stand fragte ich mich, warum jemand so viel Zeit, Geld und Anstrengung in ein Bauwerk stecken würde. Auf den Psalm übertragen: Wie wertvoll muss der Schreiber das Wort Gottes und sein Gesetz erachtet haben, dass er sein ganzes schriftliches Können hier hineingesteckt hat? Uns ist es manchmal sogar zu viel, ein solch langes Kapitel auch nur zu lesen, weil es uns an Leidenschaft und Liebe zu Gottes Gebot fehlt. Aber hier war einer, dem der Aufwand nicht zu groß war. Mit Psalm 119 hat er etwas geschaffen, das seit tausenden von Jahren Bestand hat, und dem weder Erdbeben, noch Gewalten, Waffen und Feinde etwas anhaben können. Ganz anders als einem Bauwerk aus Lehm, Holz oder Stein. Aber warum tut jemand so etwas? Ich glaube, dafür hat es zwei Gründe.

Grund 1: Nur das Beste für Gottes Gesetz!

Für den Schreiber des 119. Psalms war klar: Was Gott sagt, ist so wunderbar, so schön und so wertvoll, dass nur das beste Gefäß dafür in Frage kommt, um es festzuhalten.

Stellen wir uns einmal vor, jemand würde uns einen immens teuren Wein servieren. Einen Wein, der an die tausend Euro die Flasche kostet. Und dafür benutzt er einen Plastikbecher oder eine rostige Blechdose. Da würde man doch meinen, dass der Gastgeber entweder den Wert des Weines nichts verstanden hat, nicht kennt oder sich einen Scherz erlaubt. Das passt ja nicht zusammen! Zu teurem Wein gehört auch ein schön geformtes und edles Weinglas, vielleicht sogar handgeblasen von einem Meister – und das sage ich, obwohl ich weder Weinkenner noch wirklicher -genießer bin, aber das würde ich bei solch einem teuren Wein erwarten.

Grund 2: Auswendig lernen leicht gemacht

Menschen damals konnten nur sehr selten lesen und schreiben. Sie kannten daher vieles auswendig. Heute ist das genau umgekehrt. Heutzutage muss man nichts mehr auswendig wissen, das Internet erledigt diese Aufgabe ja für uns! In Israel konnten daher viele der frommen Menschen diesen Psalm auswendig aufsagen – und die Struktur des Psalms half ihnen dabei.

Psalm 119 – ein Diamant mit 22 Flächen

In einem weiteren Aspekt betrachtet ist der Psalm 119 geradezu ein Diamant, der von seinem Autoren 22 mal geschliffen wurde. Jeder Diamant besteht ja bekanntlich aus vielen geschliffenen Flächen, wenn er einmal fertig ist. Psalm 119 lässt das Licht, das auf ihn einstrahlt, in 22 verschiedenen Aspekten erscheinen. Natürlich ist Licht notwendig, denn in der Dunkelheit würde auch jeder Diamant nichts zurückstrahlen. Das Licht, das auf diesem Psalm einfällt, ist Gottes Liebe und seine Güte. Halte diesen Psalm immer in dieses Licht, dann bringt er dich zum Staunen, weil du seine Liebe und Güte in vielen verschiedenen Facetten siehst. Ein Schlüssel zum Verständnis des Psalmes ist dabei der Vers 68:

Du bist gütig und tust den Menschen Gutes; lehre mich, deinen Bestimmungen zu folgen. 

Man könnte es auch so sagen: „Weil du gütig bist und mir Gutes tust, will ich lernen, deinen Gesetzen zu folgen.“ Also: Weil Gott gütig ist, will ich ihm treu sein.

Lasst uns eine Seite dieses Diamanten betrachten, indem wir uns die erste Strophe einmal genauer ansehen.

Die Betrachtung der ersten Strophe von Psalm 119

1 Glücklich zu preisen sind alle, deren Lebensweg untadelig ist, die den Weg gehen, den das Gesetz des Herrn zeigt. 2 Glücklich sind, die auf alles achten, was er in seinem Wort bezeugt, die von ganzem Herzen nach ihm fragen, 3 die kein Unrecht tun, sondern auf Gottes Wegen gehen. 4 Du selbst, ´Herr`, hast uns deine Ordnungen anbefohlen, damit wir sie mit ganzem Ernst beachten. 5 Ach, dass ich doch beständig die Wege gehen möge, auf denen ich deine Bestimmungen einhalte! 6 Dann werde ich nicht in Schande enden, wenn ich auf all deine Gebote schaue. 7 Mit aufrichtigem Herzen will ich dir danken, wenn ich immer besser deine Rechtsordnung befolgen lerne, in der sich deine Gerechtigkeit spiegelt. 8 An deine Bestimmungen will ich mich halten, verlasse du mich nur nicht ganz und gar!

Untadeliger Lebensweg? Wer kann das von sich behaupten?

Wessen Weg ist schon untadelig? Wer kann sich nie etwas zu Schulden kommen lassen? Es kann schnell passieren, dass man diesen Psalm beim schnellen Lesen mit einer perfektionistischen Brille betrachtet. Aber genau so will er nicht gelesen werden. Genauer betrachtet steht hier nämlich „Lebensweg“ – und das ist das gesamte Leben, die langen Strecken, die wir in unserer Lebenszeit gehen. Man könnte dazu auch „Normalverhalten“ oder „Grundeinstellung“ sagen. Es ist die Richtung, in die ein Leben geht.

Wenn man von ganz weit oben auf unseren Lebensweg sieht, und dann ganz nah ranzoomt, würde man sicherlich bei jeden von uns Schlangenlinien sehen. Wir kommen hin und wieder vom Weg ab, denn die Schlange, der Lügner, der Teufel, wird sein Möglichstes versuchen, aus unseren geraden Linien Schlangenlinien zu machen. Wir lassen uns verführen und stolpern und straucheln, begehen „Vergehungen“ (Wortspiel!). Aber hier sehen wir den Unterschied eines Menschen, dessen Lebensweg untadelig ist, zu einem gleichgültigen: Er bleibt nicht auf der falschen Strecke, sondern er lässt sich immer wieder korrigieren und kommt auf den richtigen Weg zurück. Er hat ein ganz bestimmtes Ziel vor Augen, und darauf läuft er zu! Irgendwann macht er den nächsten Schlenker und kommt wieder vom Weg ab – aber das ist die Realität unserer langen Wanderung zum ewigen Leben.

Bei wiedergeborenen Menschen ist die Anziehungskraft des Ziels stärker als die Anziehungskraft der Ablenkungen am Wegesrand.

Erstaunlich: Wenn wir ganz nah rangehen, sehen wir die Schlangenlinien. Wenn wir aber von ganz weit oben gucken und eine Weile zuschauen, ist der Weg dann eben doch erstaunlich gerade. Die Schlangenlinien flachen ab oder verschwinden sogar ganz. Sogar wenn man mal in eine Grube fällt, geht der Weg doch in die gleiche Richtung weiter. Warum ist das so? Weil bei wiedergeborenen Menschen die Anziehungskraft des Ziels stärker ist als die Anziehungskraft der Ablenkungen am Wegesrand.

Glücklich sind, die auf ALLES achten? Wer macht das schon?

Das ist ein zweiter Punkt in dieser ersten Strophe, die missverstanden werden kann. Beachte das „achten“ mehr als das „alles“! Hier geht es wiederum nicht um die Perfektion, die man als Anspruch an sich selbst haben könnte. Da kann ja nur Enttäuschung folgen! Sondern es geht vielmehr darum, sich selbst nicht zu verschließen, wenn Gottes Gesetz Korrektur fordert, sondern darauf zu achten und liebevoll aufmerksam zu sein.

Das kann auch eine Aufforderung von Gott sein, die auf viele Arten und Weisen an uns herankommt: Beim Spazierengehen wird dir plötzlich bewusst, dass du jemanden um Entschuldigung bitten solltest, beim Gespräch mit dem Ehepartner wird dir klar, dass du eine bestimmte Entscheidung fällen musst, weil Gott es so als richtig erachtet, beim Gespräch mit deinem Chef merkst du, dass du dich nicht vorbildlich verhalten hast und dein Gewissen auf einmal ausschlägt – und hier geht es darum, sich nicht zu verschließen.

Frage dich also nicht nach der Perfektion deines Glaubens, sondern frage dich: Achte ich noch auf die feine Stimme meines Gewissens? Bin ich offen und bereit, auf Gott zu hören? Oder ist mein Lebenstempo so schnell und der Lärm des Alltags so laut, dass das feine Achten auf den Willen Gottes garnicht möglich ist?

Wonach fragst du?

Noch ein letzter Gedanke zum Vers 2: „…die von ganzem Herzen nach ihm fragen.

Menschen, die nach Gottes Willen leben, fragen nach IHM. Sie fragen nicht danach, was sie sich noch ungestraft erlauben können. Sie fragen nicht, wie weit sie noch gehen können, ohne sich zu versündigen. Sie fragen nach Gott selbst, mit ihrem ganzen Sein. Sie kehren immer wieder zu Gott zurück, weil sie wissen, dass sie nur bei ihm ihr Glück finden.

Fazit

Jetzt könnte man noch weiter in den Psalm 119 eintauchen und die weiteren Strophen sich genauer ansehen. Was dabei aber immer klarer wird: Hier hat jemand wirklich sein Herzblut hineingesteckt. Ich nehme das als Motivation für mich selbst, um mir vor Augen zu halten, dass ich Gottes Wort stets achten, seine Gebote lieben und nach ihm fragen möchte. Jesus sagte einmal:  „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“  Das ist ein Kennzeichen meiner Liebe zu ihm: Dass ich meinen Lebensweg nach ihm ausrichte, indem ich tue, was in seinem Wort geschrieben steht. Trotz allem will ich die Realität nicht aus den Augen verlieren und bei Fehlern, die mir unterlaufen, immer wieder den Weg zurück zum Vater suchen. Denn darauf besteht eine Verheißung:

„Die Gerechten werden im Reich ihres Vaters leuchten wie die Sonne.“ (Mt. 13, 43)

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