Ermahnung – notwendig oder überflüssig?

Ich kenne wenige Menschen, die Konflikte wirklich lieben oder sogar danach suchen. Meistens gehen wir ihnen lieber aus dem Weg. Eher trifft man Leute an, die hintenrum über die Fehler anderer reden, anstatt sie direkt damit zu konfrontieren oder sie gar zurechtzuweisen. Der kluge Mensch hat gelernt, sich aus den Angelegenheiten anderer herauszuhalten, um nicht selbst Teil des Problems zu werden – und das ist eigentlich auch weise.

Eine Stelle in den Psalmen hat mich heute jedoch aufmerken lassen.

Da hieß es in Psalm 141, 5:

Wenn ein Gottesfürchtiger mich züchtigt, wird es mir nur gut tun! Sein Tadel ist wie lindernder Balsam, den ich freudig annehme.

Eine solche Haltung im Angesicht der Maßregelung ist schon beachtenswert. Ich erinnere mich daran, wie ich einmal von einem guten Freund und Arbeitskollegen zurechtgestutzt wurde. Ich war wie vor den Kopf gestoßen, aber eines war seltsam: Aufgrund unseres sonst sehr guten Verhältnis wusste ich, dass er Recht hatte und war ihm deswegen nicht böse, sondern machte mir nun wirklich Gedanken über meinen Fehler. Schlussendlich ging ich zu meinem Chef und entschuldigte mich für mein Fehlverhalten.

Was ich jedoch heute beobachte, ist dass viele Menschen nicht mehr mit Kritik umgehen können, auch wenn sie von lieben Familienmitgliedern und Freunden kommt. Sie werden missmutig und zornig. Das sorgt im Endeffekt dafür, dass ihnen niemand mehr in Form von Ermahnungen helfen will – denn das zerstört die Harmonie.

Aber sollten wir Harmonie um jeden Preis wollen? Oder ist Gerechtigkeit und Korrektheit wichtiger?

Wir leben in sehr toleranten Zeiten. Jeder soll machen und lassen können, was ihm gefällt. Niemand hat sich einzumischen in persönliche Angelegenheiten. Das mag für den Umgang in der Welt stimmen, aber ich denke, dass wir unter Christen eine andere Sicht der Dinge haben sollten. Christen sollten Harmonie nicht den Vorrang vor Fehlertoleranz lassen. Christen sollten einander ermahnen, wie es schon Paulus beschreibt. Das ist wichtig, damit „ein Eisen das andere schärft“, wie es im Buch der Sprüche in Kapitel 27 beschrieben ist. Im Lauf des Lebens werden die meisten von uns gelassener und sehen Sünde oft als weniger schlimm an als noch zu früheren Jahren. Eltern lassen ihren zweiten und dritten Sprösslingen viel mehr durch als ihrem/ihrer Erstgeborenem/n. Wir verbiegen dann die Dinge, die wir vor Jahren noch als richtig ansahen und relativieren sie für unsere Bequemlichkeit. Darum brauchen wir Leute, die uns immer wieder auf die richtige Bahn zurückholen – durch Ermahnung in Liebe.

Quelle: Thinkstock by Getty-Images

Niemand mag Ermahnung wirklich! (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Wer das kann, der hat eine wirklich seltene und wertvolle Gabe. Auf der anderen Seite müssen natürlich auch die Empfänger der Ermahnung ihre Haltung überprüfen: Kann ich das noch annehmen, von einem Freund? Lasse ich mich korrigieren, wenn meine Handlungen nicht mehr dem Wort Gottes entsprechen? Ist die Ermahnung des Gottesfürchtigen Balsam für dich – oder brennt sie wie Alkohol in der Wunde?

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4 Kommentare

  1. Erika Ma

    Voll gut, Albert!
    Habe erst gestern in Hebräer gelesen: 10, 24 „lasst uns aufeinander achtgeben, damit wir uns gegenseitig anspornen zur Liebe und zu guten Werken…“
    Praktisch nur nicht so einfach, weder das ausführen noch das annnehmen…

    • Da hast du Recht. Früher, so ist mein Gefühl, wurde ich selbst auch häufiger ermahnt. Es war nicht immer nur schlecht, sondern hat meinen Charakter geformt. Denke, dass wir da offener dafür sein sollten, auch wenn es verletzen kann. Aber wie du sagst – nicht so einfach!

  2. Philipp Ochsner

    Hat mich auch angesprochen! Gelesen ist schon sehr cool!

    • Danke – ja, man hört dann doch eher zu, als dass man selbst liest, gell…