Ist Jesus Christus wirklich der prophezeite „Immanuel“?

Im Alten Testament wird im Buch Jesaja eine Prophezeiung ausgesprochen, die sich auf einen Mann namens „Immanuel“ bezieht. Im Neuen Testament wird diese Prophezeiung dann auf Jesus bezogen – obwohl er wirklich nie so genannt wurde. Gläubige Juden, die sich nach der Tora richten, sagen zudem, dass Christus, der Messias noch gar nicht gekommen sei, sondern sein Kommen noch bevorstehe; Jesus akzeptieren sie nicht als den Messias. Zu diesem Problem bekam ich vor einiger Zeit eine E-Mail von einer Freundin, die in etwa so lautete:

Hey Albert,

Es geht um die Prophezeiung in Jesaja 7, 14, die Matthäus in Matth. 1, 22 in Verbindung mit Jesu Geburt benutzt. In Jesaja steht:

„Siehe eine Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen, den wird man Immanuel nennen.“

Da hat sich mir die Frage gestellt, wieso da „Immanuel“ und nicht „Jesus“ steht – und auch Jesus zu Lebzeiten niemals Immanuel genannt wurde. Daraufhin habe ich das gegoogelt und bin auf eine Seite gestoßen, die genau dieses Problem darstellt – in einer kritischen Art und Weise.

Irgendwie  finde ich keinen Fehler in seiner „Recherche“ und würde sehr gerne deine Meinung dazu hören. Du findest sie hier:

http://www.jesus-offline.de/eine-jungfrau-wird-schwanger-und-jesus-ist-immanuel.23.html

Ich hoffe, du kannst mir irgendwie damit helfen.

Eine echt interessante Frage, die der aus dem Glauben gefallene Blogger dort auf seiner Seite stellt und sehr deutlich (sogar farblich getrennt mit blau und rot!) verarbeitet. Die Prophezeiung, die in Jesaja ausgesprochen wird, geschieht schließlich 700 Jahre, bevor Jesus geboren wurde. Wer die ganze Tiefe dieses Problems verstehen will, sollte den Ausführungen des Bloggers genau folgen und sich seinen Text gut durchlesen – er hat sich wirklich Mühe gegeben. Zusammenfassend schreibt er:

Das Problem in der Prophezeiung

  1. Wir leben ca. 700 Jahre vor Christus
  2. Israel ist in zwei Teile geteilt: Nordreich (Israel/Ephraim) und Südreich (Juda)
  3. Juda wird von Israel wird angegriffen
  4. Der regierende König Ahas ist ein Angsthase
  5. Gott sagt: Ich helfe dir, Ahas!
  6. Ahas glaubt es nicht
  7. Gott bietet ein Zeichen an
  8. Ahas will kein Zeichen
  9. Gott wird ungeduldig
  10. Gott kündigt König Ahas von sich aus ein Zeichen an: Jungfrauengeburt und Immanuel

Christen verknüpfen dieses Zeichen (auch nur schon wegen der Jungfrauen-Geburt und dem Namen „Immanuel“, der ja „Gott mit uns“ bedeutet) mit Jesus – aber warum? Das Fazit des Bloggers lautet am Ende schlicht und einfach:

Diese Stelle handelte nie von Jesus. Immanuel ist nicht Jesus. Und diese Prophetie sagt auch sonst nichts über Jesus aus.

Warum es doch um Jesus geht

Ich habe länger nachgedacht und gesucht, bin aber auch nicht 100% durchgestoßen. Glücklicherweise kenne ich mit Roger Liebi einen einmaligen Experten in Sachen Altes Testament. Liebi studierte Musik (Konservatorium und Musikhochschule Zürich, Violine und Klavier), Theologie und die Sprachen der biblischen Welt (Griechisch, klassisches und modernes Hebräisch, Aramäisch, Akkadisch) und promovierte am Whitefield Theological Seminary in Florida mit einer Dissertation über den Zweiten Tempel in Jerusalem in den Fachbereichen Archäologie und Judaistik.

Also stellte ich ihm die Frage. Und einige Tage später hatte ich eine Antwort, die ich folgend weitergeben möchte:

Gott wollte Ahas ein Wunderzeichen geben, als Bestätigung seiner Zusage, um ihm die Angst vor den drohenden Militärmächten zu nehmen.
Ahas wollte aber kein Wunderzeichen. Dann gibt Gott von sich aus doch ein Zeichen. Aber dieses Zeichen gibt er nicht Ahas persönlich, sondern „dem Haus Davids“! (Jes 7,13). Gott sagt nicht: „Höre, Ahas!“, sondern „Höret, Haus Davids“. Gott wendet sich von Ahas gewissermassen ab, ab er richtet sich an die Dynastie Davids. (Dynastie nennt man auf Althebräisch „Haus“.)

Joseph war aus dem Haus Davids (Matth. 1). Für ihn war diese Prophetie ganz wichtig, um Maria als seine Frau zu heiraten.

Vers 16 kann man so übersetzen, weil die Formen des Futurs im Hebräischen gleich klingen wie die Formen des Konjunktivs:

„Denn ehe der Knabe wüsste, das Böse zu verwerfen und das Gute zu erwählen, wird das Land verlassen sein, vor dessen beiden Königen dir graut.“

Ein Kind kann ab ca. 2 Jahren zwischen Gut und Böse unterscheiden. Innerhalb dieser Frist von 2 Jahren, sollte zur Zeit Ahas Syrien und das Nordreich Israel durch die Assyrer vernichtet werden. Beachte, dass in Vers 16 und 17 wieder auf Einzahl gewechselt wird. Gott spricht nicht mehr zur Dynastie Davids im Plural, sondern wendet sich in dieser Aussage wieder an Ahas mit „Du“.

Was der Blogger hier aber betreibt, grenzt schon an Lästerung des Wortes Gottes, ist aber zumindest harte Bibelkritik. Er sagt ja eigentlich nichts anderes, als das Matthäus falsch lag mit seinem Zitat. Dass Gottes Wort hier einen Fehler hat. Für ihn gilt 1.Kor 2,14!

Das Problem ist wirklich folgendes: Wo fängt bei diesen Leuten ihre Bibelkritik an? Wenn sie behaupten, dass die Worte die Matthäus zitiert, nicht dorthin gehören wo sie stehen – wo und inwieweit ist dann das andere geschriebene des Matthäus glaubhaft? Dazu kommt auch die Frage, wer gibt solchen Menschen die Autorität zu sagen, was in die Bibel gehört und was nicht? Im Umkehrsatz bedeutet dies nämlich, dass die Autorität des Matthäus in Frage gestellt wird und damit sein ganzes Evangelium. Und wenn schon das Evangelium des Matthäus in Frage zu stellen ist, warum dann nicht auch die anderen Evangelien?

Roger Liebi hat hier also herausgestellt, dass die Prophezeiung nicht Ahas direkt, sondern dem Haus Davids galt – und in Vers 16 und 17 wendet sich Gott aber wieder Ahas zu. Es kommt manchmal wirklich auf einige wenige Worte an, um das Bild wieder von einer anderen Seite zu betrachten!

Immanuel und Jesus

Um auf den „Widerspruch“ zwischen „Jesus und Immanuel“ einzugehen, habe ich mit Norberth Lieth gesprochen, der in einem Missionswerk in der Schweiz arbeitet. Er konnte auch ganz gute Tipps geben:

Wie ist der scheinbare Widerspruch zu erklären das Maria einen Sohn gebärt, den sie ausdrücklich Jesus nennen sollten – und sich damit die Prophezeiung Jesajas erfüllen sollte, dass man ihm den Namen Immanuel geben würde? Offensichtlich hat man ihm nie diesen Namen gegeben, sondern den Namen Jesus – und dennoch soll sich damit die Prophezeiung erfüllt haben!?

Dieser Tatbestand für den Autor Matthäus aber kein Widerspruch zu sein, andernfalls hätte er sich doch sagen müssen: „Halt, das kann ich so nicht schreiben, einmal Jesus und ein andermal Immanuel“.

Wenn Matthäus erwartet hätte, dass die Juden in der Namensnennung „Immanuel“ einen Widerspruch sehen, hätte er diesen Vers nicht angegeben. Wenn er aber in beiden Namen ohne weiteres eine Erfüllung sieht, dann scheint es Hand und Fuß zu haben. Matthäus scheint es nicht um den Personennamen „Immanuel“ zu gehen, sondern um die Bedeutung dieses Namens: In Jesus ist Gott mit uns. Und diese „Namensgebung“ hatte Jesus sehr wohl!

  • Joh 14,11: Glaubt mir, dass ich im Vater bin und der Vater in mir ist; …
  • 2. Kor 5,19: … weil nämlich Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte, …
  • Römer 8,31-32: Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein? (32) Er, der sogar seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern ihn für uns alle dahin gegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht auch alles schenken?

Jesus ist der Immanuel und in Seinem ganzen Sein und Werk trägt er diesen Namen.

Was wir hier besprochen haben, ist teilweise schon echt hartes Holz. Aber man muss sich auch an hartes Holz trauen, wenn man sogenannte Widersprüche verstehen und aufdecken will.

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2 Kommentare

  1. k.steinacher

    „Matthäus scheint es nicht um den Personennamen „Immanuel“ zu gehen, sondern um die Bedeutung dieses Namens: In Jesus ist Gott mit uns. Und diese „Namensgebung“ hatte Jesus sehr wohl!“ ….und so schließt er messerscharf, dass nicht sein kann was nicht sein darf! Absurde Argumentation, der „Blogger“ argumentiert wesentlich glaubwürdiger! Aber wer Angst vor ewigen Höllenqualen haben muß, glaubt jeden Unsinn!

  2. Arkadiy S.

    Ich bin von Liebi sehr enttäuscht. Ich selbst war mal gläubiger Christ und missionierte auf der Straße. Das Problem bei vielen Christen ist, dass sie leider die einzelnen Verse aus dem Alten Testament aus dem Kontext reißen. Für die Juden war Jesaja 7,14 niemals ein messianischer Vers, weil dieser Vers in den Gesamtkontext des 7. Kapitels eingeordnet werden muss. Immanuel ist nicht Jesus, sondern das Kind, das ein Zeichen war, dass Gott mit dem Haus Juda ist, als es von den anderen Königen angegriffen wurde. Reißt man diesen Vers aus dem Kontext – so wie es Liebi tut – ergibt das ganze Kapitel keinen Sinn. Ferner scheint Liebi nicht zu bemerken, dass Matthäus Jesaja falsch zitiert hat: Jesaja sagt, dass die Frau das Kind Immanuel nennen wird, Matthäus schreibt, dass man – also die Menschen – das Kind Immanuel nennen werden. Warum tut er das? Damit der Eindruck entsteht, dass es eben eine Prophetie auf Jesus hin. Hätte er Jesaja korrekt zitiert, würde jedem klar sein, dass es nicht um Jesus gehen kann, weil die Frau, die das Kind Immanuel genannt hatte, schon lange tot war. Ich kann jedem nur empfehlen sich mit dem Prophetien über Jesus auseinanderzusetzen. Vor allem Matthäus wendet sie oft an (siehe die Prophetien über den Kindermord und dem Messias, der angeblich aus Ägypten gerufen wurde). Es ist verständlich, warum die Juden Jesus nicht akzeptieren. Außerdem ist es schon auffällig, wie Liebi den Blogger persönlich angreift und Bibelkritik als Lästerung darstellt. Er tut es aus einem einfachen Grund: Ihm geht es nicht um die Wahrheit oder Logik. Es geht Liebi einzig und allein um seine eigene Sicht. Er kann es nicht akzeptieren, wenn Menschen die Bibel kritisieren und dabei auch noch sehr gute Punkte bringen und den Nagel auf den Kopf treffen.