Sich selbst täglich sterben – Egoismus ist ansteckend

Wer von euch hat heute schon etwas für jemand anderen getan? Zum Beispiel das Frühstück, die Kleider zurechtgelegt oder den Chauffeur gespielt? Es werden sich sicher einige hier finden, die ihrer Verantwortung gerecht geworden sind – ganz vorne dabei allem die jungen Mütter. Vieles bleibt an ihnen hängen, bevor man sonntags zum Gottesdienst losfahren. Sie selbst werden dann manchmal nicht fertig und steigen als letzte gestresst ins Auto ein.

Einmal an sich selbst denken, alle andern einfach machen lassen, was sie wollen, nur Zeit für sich haben und ausruhen – für manche ist das ein großer Traum, den sie sich nicht so einfach leisten können. Es kommt einem dann auch ungerecht vor, wenn man Leute sieht, die egoistisch handeln (können), alles für sich selbst ansammeln, während man sich selbst verausgabt.

Was man im Urlaub diesbezüglich erlebt, ist da manchmal echt zum Haare raufen. Ich will euch einmal kurz erzählen, was wir so erlebt haben in Bezug darauf, wie sich manche Menschen anstrengen, ja das Beste für sich herauszuschlagen und um jeden Preis immer der Erste zu sein.

Der Egoismus besteht darin, sein Glück auf Kosten anderer zu machen.

Jean Baptiste Henri
Lacordaire (1802 – 1861)

Es fing damit an, dass wir uns am Flughafen fürs Einsteigen bereit machten. Die Tickets hatten wir in der Hand und mussten uns zu keiner Zeit Sorgen darüber machen, dass wir keinen Sitzplatz kriegen würden. Ich gehe stark davon aus, dass es bei den anderen Reisenden genauso war. Man stellt sich also in der Schlange an, um die Koffer abzugeben und um dann weiter zum Gate zu gehen. Bis hierher verlief alles ruhig und nach Plan. Als wir unser Gepäck los waren und durch die Kontrollen durch, begaben wir uns zu viert zum Gate. Einer schleppte noch das Handgepäck, während der andere den Kinderwagen vor sich herschob. Angekommen, warteten wir die nächste halbe Stunde stehend, weil alle Sitze besetzt waren.

Sehr spannend zu beobachten ist immer, wie sich innerhalb kürzester Zeit, sobald nämlich eine Dame vom Flughafen sich hinter den Schalter begibt, eine neue Schlange bildet. Die Leute springen förmlich von ihren Sitzen auf um ja als einer der ersten ins Flugzeug zu dürfen. Warum? Weil sie dann länger drin warten. Oder weil sie doch Angst haben, den auf dem Ticket genannten Platz nicht zu bekommen? Wir versuchen immer, uns nicht daran zu beteiligen und warten lieber hier, bis sich alle angestellt haben und durch sind. Am Ende kommt man in aller Ruhe ja doch noch zu seinem Platz. Vielleicht muss man ein bisschen nach Verstauraum fürs Handgepäck suchen, aber bisher mussten wir es noch nie auf dem Schoß halten.

Dreist wird es jedoch im Hotel, wenn es um die Liegen am Pool geht. Eine scheinbar typisch deutsche Angewohnheit ist es, früh am Morgen mit einem Handtuch einen Liegeplatz zu reservieren. Manche stehen dazu sogar extra um sechs Uhr auf, belegen Plätze und gehen dann wieder für zwei Stunden ins Bett. Wenn sie vom Frühstück kommen, haben sie ihre Plätze, während die anderen leer ausgehen – vor allem in den Ferien, wenn das Hotel voll ausgebucht ist.

Wir hatten uns fest vorgenommen, uns nicht an dieser Praxis zu beteiligen und lieber einzelne Sitze zusammenzustellen, nachdem wir gekommen waren, um zu bleiben. Das ging auch die ersten Tage noch gut. Als dann immer mehr Leute kamen, waren eines Morgens um neun Uhr alle Liegen mit Badetüchern besetzt, aber niemand lag darauf. Es war auch niemand im Pool unterwegs – und sonst sah man niemanden in der Nähe. Die Deutschen waren da, aber wo nur?

An einem anderen Tag konnten wir dabei zusehen, wie ein älterer Mann, der alleine mit seiner Frau gekommen war, sich mit einer jungen Mutter um einen Schirm streitete, der ihr Baby bedeckte. „Das ist unserer, den hatten wir zuerst!“ raunte er sie an. „Es gibt kein unser hier“, antwortete sie ihm, konnte jedoch nichts dagegen tun, dass er sich den Schirm einfach nahm. Vorher hatte er ein kleines „X“ auf den Schirmständer gemalt, um ihn wiederzufinden, falls ihn jemand wegnehmen würde.

Sein Prinzip ist überhaupt:
Was beliebt, ist erlaubt.
Denn der Mensch als Kreatur
hat von Rücksicht keine Spur.

Wilhelm Busch

Die letzten Tage hatten wir mit unserem Bestreben keinen Erfolg mehr. Es entwickelt sich ganz schnell ein Gruppenzwang: Wenn alle es machen, geht man am Ende leer aus, wenn man nicht mitmacht. Traurig, aber wahr: Wenn du nicht an dich selbst denkst, denkt keiner an dich.

Mit diesem Erlebnis will ich etwas verdeutlichen: Egoismus muss man nicht lernen – er ist angeboren. Niemand muss sich zwingen, zuerst an sich zu denken, das geht ganz automatisch. Wenn jemand dabei ertappt wird, zuerst an sich anstatt an andere gedacht zu haben, kriegt er vielleicht den Spruch zu hören

„Der Esel denkt zuerst an sich!“

Damit wird der Egoist in gewissem Maße verurteilt! Aber was genau ist denn ein Egoist? Lifeline beschreibt ihn so:

Den extremen Egoisten befriedigt nicht, wenn er viel besitzt, er will stets mehr als die anderen, und er empfindet starke Rivalität zu seinen Mitmenschen. Dieser Egoismus ist mit Unzufriedenheit, Neid und Eifersucht gepaart. Selbstsüchtige Menschen können nie genug bekommen, sie sind besitz- und prestigegierig und dabei geizig. Ihren Mitmenschen gegenüber sind sie rücksichtslos, roh und kalt. Es macht ihnen nichts aus, andere Menschen gewissenlos auszunutzen, da sie Emotionen wie Mitgefühl, Rücksicht und Einfühlung in sich unterdrücken.

Ein Egoist verkörpert also alle Werke des Fleisches in sich selbst.

Sobald wir aber Jesus Christus als Retter und Herrn annehmen, lebt er in unserem Geist. Und wenn wir es zulassen, dass dieser neue Teil unserer Person die Entscheidungen bestimmt, können wir den Egoismus überwinden. Natürlich verschwindet er nicht einfach – aber der, der größer ist und in uns lebt, hilft uns, ihn täglich zu bezwingen (Siehe Galater 5,16).

Selbst der Apostel Paulus, der einer der hingebungsvollsten Nachfolger Jesu war, musste noch täglich damit kämpfen, was er uns auch im 1. Korintherbrief bezeugt:

So wahr ihr mein Ruhm seid, den ich habe in Christus Jesus, unserem Herrn: Ich sterbe täglich!

1. Korinther 15,31

Täglich hat er sich selbst für die Gemeinde aufgeopfert, ist seinen eigenen Bedürfnissen gestorben, was ihm garantiert auch nicht einfach gefallen ist.

Heutzutage findet man so etwas wie völlige Selbstlosigkeit sehr selten an. Lifeline schreibt weiter:

Völlig selbstloses Verhalten gibt es selten. Dies wäre reine Menschenliebe, ohne den Hintergedanken einer Vergeltung durch Anerkennung, Lob oder Erwartung des gleichen selbstlosen Verhaltens. Die Liebe kann die Kraft für dieses Verhalten geben, aber oft auch nur, solange die Liebe auf Gegenliebe trifft. Reine Selbstlosigkeit ist in unserer Gesellschaftsstruktur, die Leistungs- und Konkurrenzdenken fördert, sehr selten.

Ich würde weiter gehen und behaupten: Ein nicht wiedergeborener Mensch kann gar nicht selbstlos sein, denn er sieht keinen Nutzen darin. Nur die, die ihren Nächsten lieben können wie sich selbst, haben die Kraft dazu, jedoch wiederum nicht aus sich selbst, sondern aus Gott.

Warum ist denn in einer Gemeinde so wichtig, dass man an den andern denkt? Warum darf man nicht nach der Devise leben „Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an jeden gedacht?“

Die Antwort darauf ist einfach: Reine Selbstlosigkeit kann nur aus echter Liebe kommen. Und echte Liebe zu den Menschen kann nur aus dem Glauben an Jesus Christus kommen, denn er hat die Welt mit seiner Liebe verändert. Johannes rundet das ab, indem er schreibt in seinem 1. Brief im Kapitel 4 ab Vers 7:

Meine Freunde, wir wollen einander lieben, denn die Liebe hat ihren Ursprung in Gott, und wer liebt, ist aus Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe.

Praktisch gesehen bedeutet es, dem anderen den Vortritt zu lassen, vor allem, wenn es um Glaubengeschwister geht. Dabei kann man sich Fragen wie diese stellen:

  • Was ist meinem Bruder oder meiner Schwester wichtig?
  • Wie kann ich helfen, damit es ihm oder ihr besser geht?
  • Wie kann ich anderen eine Freude bereiten?
  • Zeige ich Jesu Liebe, wenn ich jetzt auf mein eigenes Wohlergehen verzichte?
  • Bin ich bereit, bei etwas mitzuhelfen, wenn scheinbar niemand anders die Aufgabe übernehmen will?

Im Urlaub habe ich eins gelernt: Egoismus ist ansteckend. Wenn alle nur noch an sich selbst denken, geht es mit der Freundlichkeit und der Liebe bald bergab. Egoismus vermindert sich, wenn man Einfühlungsvermögen besitzt und Mitmenschen so behandelt, wie man selbst behandelt werden will.

Zum Abschluss ein Zitat von einem jungen, methodistischen Prediger, der mit nur 19 Jahren im ersten Weltkrieg in Frankreich gefallen ist. Er sagte:

„Herr, schenke mir eine Seele, der die Langweile fremd ist, die kein Murren kennt, kein Seufzen und Klagen, und lasse nicht zu, daß ich mir zu viele Sorgen mache um dieses Etwas, das sich so breit macht und sich „Ich“ nennt.“

Thomas Henry Basil Webb (1898 – 1917)

Die Predigt zum Anhören

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