Wenn alte Freunde gehen und man durch sie zu neuen Freunden kommt

Im Moment empfinde ich das Leben in Mosbach wie ein spannendes Abenteuer. Wöchentlich lerne ich neue Glaubensgeschwister kennen. Das war nicht immer so – mehr als sechs Jahre haben meine Frau und ich hier nun verbracht und waren die meiste Zeit „allein“ unterwegs. Das ändert sich nun, etwa zwei Jahre später als erhofft.

Wie manche wissen, befindet sich in Mosbach der Hauptsitz von OM, Operation Mobilisation. OM ist ein christliches Missionswerk, das vor allem durch die Aussendung von Schiffen an die Küsten der Welt bekannt geworden ist. Mittlerweile wird jedoch viel mehr das als das gemacht. So kam es, dass ein junges Paar aus Australien vor etwa drei Jahren aus dem Jemen praktisch direkt nach Mosbach eingeflogen wurde. Wegen islamischen Unruhen war ihr Leben in äußerster Gefahr – nur kurze Zeit danach kamen zwei Mädels, die ebenfalls im Jemen im Einsatz waren, ums Leben.

Zum ersten Mal trafen wir die beiden vor zwei Jahren auf einem Geburtstagsfest von anderen Freunden. Da ich meistens schnell Kontakte knüpfe, tat ich das auch hier und tauschte Handynummern aus. Wir wollten sie mal zum Tee einladen. Dazu kam es jedoch aus verschiedenen Gründen nie.

Durch den Kindergarten kamen wir weiter in Verbindung mit anderen jungen Leuten in Mosbach. Man sah sich beim Bringen und Holen von Jonathan, unserem Sohn, mehr wurde daraus jedoch nie – bis wir vor einigen Wochen zu einer Geburtstagsfeier eingeladen wurden – mitten am Tag, zu ebendiesen Australiern, die den ersten Geburtstag ihrer Tochter feierten. Ich fand die Idee gut, mal bei ihnen vorbeizuschauen, hörte früher auf zu arbeiten und ging mit Olly und den Jungs dort hin.

 

Keine zwei Familien aus der gleichen Gemeinde…

Schon nach kurzer Zeit bemerkten wir, dass die Zusammensetzung der Gäste höchst merkwürdig war. Nach jedem neuen Satz wurde deutlich, dass fast alle in dieser Runde etwas mit dem christlichen Glauben zu tun hatten. Manche waren auch bei OM angestellt, andere waren Freunde über mehrere Ecken. Das Besondere daran war, dass wir uns so noch nie gesehen hatten. Vom Sehen her kannten wir uns – aber dass sie ebenfalls Christen waren, überraschte uns. Schnell erkannten wir auch, dass es keine zwei Familien aus der selben Gemeinde auf dieser Party gab. Wir waren ein bunter Haufen aus der evangelischen Kirche, der Stadtmission, der pfingstlerischen Gemeinde, wir aus einer Baptisten-/Brüdergemeinde, und noch andere. Sollte das etwas bedeuten?

 

Einmal die Woche: Reden und Beten.

Kurzerhand entschieden wir, dass wir es etwas bedeuten lassen wollten: Der Australier schlug vor, dass sich die Männer jeden Montag Abend zum Reden und Beten treffen. Die Motivation dahinter wird klar, wenn man darüber nachdenkt: Mosbach hat viele Gemeinden, die in verschiedenen Aspekten ein wenig anders funktionieren. Und dennoch haben wir einen Herrn. Wir haben ein Gebet und ein Wort. Manch einer mag die eine oder andere Passage anders auslegen – aber sollte uns das daran hindern, für unsere Stadt zu beten? Sicher nicht.

 

Der Blick über den Tellerrand bereicherte auch hier.

So fingen wir an. Seit dem ersten Treffen konnte ich in diesem neuen Kreis junger Männer und Väter dabei sein, der sich bis jetzt immer am gleichen Platz traf. Welche Kraft und Erbauung dadurch hervorging und immer noch geht, kann ich nur schwer beschreiben – es ist, als ob man aus dem eigenen vertrauten Kreis ausbrechen und über den Tellerrand schauen kann. Man sieht seine eigene Stadt noch aus einem ganz anderen Blickwinkel und erkennt, dass man gar nicht so alleine ist, wie man dachte. Man redet über Probleme, die man sieht und schließt diese ins Gebet ein. Und man knüpft neue Freundschaften. Jede Woche waren neue Leute da, andere fehlten. Und mit jeder neuen Person gab es auch wieder neue Sichtweisen, neue Gebetsanliegen und neue Freuden, die man teilen konnte.

 

Nun ist jedoch die Zeit des Abschieds gekommen.

Drei Jahre hier – nur für diese eine Aufgabe?

Der Weg der Australier geht weiter. Schon in zwei Wochen werden sie Deutschland verlassen und sich neuen Aufgaben im Ausland zuwenden. Für mich persönlich ist es eine sehr wehmütige Sache. Es tut mir leid, dass wir uns erst so spät „getroffen“ haben, obwohl wir uns schon Jahre zuvor gesehen hatten. Um ehrlich zu sein, fragte ich mich manchmal, was die Australier hier eigentlich machten. Ich sah ihre Einsätze nicht und wusste nichts über ihre Aufgaben. Jetzt wage ich zu sagen, dass vielleicht die Gründung dieses Gebetskreises, den wir oft einfach Men of Prayer nennen, der wichtigste Grund war, weshalb sie aus dem Jemen gekommen sind.

 

Auch wenn sie bald nicht mehr da sein werden, wollen wir damit weitermachen. Eine neue Location dafür ist möglicherweise auch schon gefunden worden. Wir haben ein Ziel: Zusammenrücken der Christen in Mosbach, um unsere Stadt von Gott verändern zu lassen. Die weiteren Ziele sind eher persönlicher Art. Zum Beispiel ist es ein echtes Geschenk, wenn man Freunde hat, mit denen man nicht nur lachen und über fachliche Sachen reden kann, sondern denen man sich öffnen und Ängste, Probleme, Freuden und Sorgen teilen kann. Mit denen man sich neidlos freuen kann. Bei denen man um Rat und Hilfe fragen kann, ohne sich davor zu fürchten, verurteilt zu werden. Eine solche Gruppe habe ich schon lange gesucht – und ich glaube, ich habe sie gefunden. Nein, mehr noch – ich durfte bei der Entstehung dabei sein!